Langsam ließ sie das heiße Wasser in das Spülbecken fließen und stellte den Kessel ab. Gerade rechtzeitig, um ihn nicht vor Schreck fallenzulassen, weil die Tür aufflog. „Es kommen welche an! Komm mit!“
Ohne weitere Fragen ließ sie alles stehen und liegen und verließ das Haus. Hier und dort auf der Straße ertönten Rufe, Frauen eilten aus ihren Häusern. Eine mit einem Säugling auf den Hüften und einer alten Frau, die sich bei ihr unterhakte. Eine Frau scheuchte große Kinder vor sich her. Alle eilten über den matschigen Feldweg, ohne die Kälte auch nur zu spüren. Sie halfen sich gegenseitig, stützen die Alten und hetzten gleichzeitig so schnell sie konnten in den Nachbarort. Der Bahnhof war zum Glück auf der ihnen zugewandten Seite des Dorfes, aber oben auf dem Hügel. Sie wurden langsamer.
Eine Traube Menschen war bereits dort, aus den umliegenden Dörfern zusammengelaufen. In der Ferne waren die Rauchschwaden zu sehen, der Zug näherte sich. Niemand sagte einen Ton in den sehr langen Minuten, die der Zug brauchte, um die Steigung zu bewältigen. Alle – selbst die wenigen Kinder – starrten stumm auf den sich nähernden Zug und beobachteten, wie er in den Bahnhof einfuhr und stehenblieb.
Sie traute sich nicht, sich zu rühren, stand allein da und beobachtete die Gestalten, die den Zug verließen. Abgemagert und zerlumpt bewegten sich die Heimkehrer langsam und suchend durch die Menge. Weinen war zu hören, die vom Stimmbruch quietschende Stimme eines Jungen rief „Papa!“
Als der Zug leer war, drehten sich die meisten um, um in ihre Dörfer zurückzukehren. Diesmal nicht. Vielleicht mit dem nächsten Zug.
Sie war kurz davor, ebenfalls zu gehen, als sie ihn sah. Sie bemerkte ihn erst, als er direkt auf sie zusteuerte. Ein alter Mann, der humpelte und etwas gebückt lief. Er schaute sie unverwandt an und schien die Menschen um sie herum kaum wahrzunehmen.
Sollte das… konnte das ihr Junge sein? Er, den sie mit 17 Jahren hatte gehen lassen müssen und für den sie nun seit so vielen Jahren zu jedem Zug lief, die Hoffnung nicht aufgeben wollend, dass er kam? Dass er lebte, irgendwie, irgendwo?
Er stand nun direkt vor ihr, schaute ihr in die Augen. Er war kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte und sah aus wie ein Greis. Unfähig, sich zu rühren schaute sie ihn an, sah in die Augen, die ihr so vertraut waren.
„Mahme.“ sagte er leise und als sei das ein Zauberwort gewesen, fielen sie sich beide um den Hals. Sie hielt ihn fest, drückte ihn an sich.
Endlich.
Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich in meiner Familie in den 1950er Jahren ereignet hat. Logischerweise war ich nicht dabei, aber als mir davon erzählt wurde, ließ es mich einfach nicht los und ich wollte darüber schreiben.
