Einfach schnecklich

Eigenes Gemüse im Garten ist ja so ein bisschen der Inbegriff von Landleben. Barfuß und fröhlich summend in den Garten laufen, um für die nächste Mahlzeit eine Gurke, ein paar Tomaten oder den ein oder anderen Salat zu erlegen. Schmeckt ja besonders gut, wenn man den Lebensmitteln beim Wachsen zuschauen konnte, und wenn diese so ganz ohne Insektenvernichtungsmittel und Kunstdünger gewachsen sind, ist das ja auch alles viel gesünder…

Ich habe keine Ahnung, warum der Text bis hierher so furchtbar ironisch klingt. Das war gar nicht so gemeint, versprochen! Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Idylle nicht immer so idyllisch ist. Mal kränkeln die Pflanzen, mal haben sie zu viel Wasser, mal zu wenig. Zu viel Sonne… oder zu wenig. Irgendwas ist immer.

Meine Tomatenpflanzen allerdings sind in diesem Jahr besonders prächtig. Mein persönlicher Rekord! Wenn man betrachtet, dass das erst mein zweites Jahr ist, indem ich mich am Tomatenanbau versuche, ist das natürlich nicht unbedingt eine große Leistung. Dennoch bin ich stolz und es macht Spaß, mit den Kindern am Beet zu stehen und sonnenwarme Tomaten zu essen. Sie schmecken so wirklich am besten, ganz unironisch.

Nun neulich mein Dilemma: Eine Schnecke! Sitzt völlig ungerührt auf einer der Gurkenpflanzen (Nachbarin der Tomaten), die sich sowieso etwas mimosenhaft anstellen. Unverschämtheit! Was bildet die sich ein, mein mühsam gepflanztes Gemüse als All you can eat-Buffet zu betrachten? Ich laufe und hole mein Schäufelchen, erfüllt von Rachegedanken. Erschlagen sollte ich sie! Zerteilen! Oder plätten! Oder alles auf einmal!

Als ich zurückkomme (verflixt, wo hab ich die Schaufel hingelegt?), hat sich meine Wut etwas abgekühlt und ich betrachte die – zugegeben schon irgendwie einigermaßen hässliche – Nacktschnecke. Schaut sie mich an? Weiß sie, welches Schicksal ihr blüht?

Ich hole aus.

Moment. Welches Recht habe ich eigentlich, dieses Tier zu meucheln? Ich habe Vogeltränken und bienenfreundliche Blumen und lasse selbst Brennnesseln stehen, um die Tierwelt zu unterstützen… und dann will ich eine Schnecke ermorden, die ja nicht mal weiß, dass sie gerade ein Verbrechen begeht?

Der innere Tumult dauert eine Weile.
Die Schnecke will doch auch nur leben!
Aber meine Gurken sehen eh so mickrig aus!
Das ist aber doch nicht die Schuld der Schnecke!
Ich kann die doch hier nicht sitzenlassen! Dann ist morgen alles kahl!
Ach was, wie viel kann eine Schnecke schon fressen?
IST DAS EINE ERNSTGEMEINTE FRAGE? DAS SIND SCHLEIMIGE FRESSMASCHINEN!

Nunja. Am Ende habe ich die Schnecke (am Stück und noch in ihrer üblichen rundlich-wurstigen Schneckenform) aus dem Beet entfernt, mit ihr ein sehr ernstes Wort gesprochen und sie mit einem Platzverweis dem Gebüsch übereignet. Soll sie doch Holunderblätter fressen, davon sind genug da.

Aber sie soll es nicht wagen, noch mal wiederzukommen!

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