Heimkehrer

Langsam ließ sie das heiße Wasser in das Spülbecken fließen und stellte den Kessel ab. Gerade rechtzeitig, um ihn nicht vor Schreck fallenzulassen, weil die Tür aufflog. „Es kommen welche an! Komm mit!“
Ohne weitere Fragen ließ sie alles stehen und liegen und verließ das Haus. Hier und dort auf der Straße ertönten Rufe, Frauen eilten aus ihren Häusern. Eine mit einem Säugling auf den Hüften und einer alten Frau, die sich bei ihr unterhakte. Eine Frau scheuchte große Kinder vor sich her. Alle eilten über den matschigen Feldweg, ohne die Kälte auch nur zu spüren. Sie halfen sich gegenseitig, stützen die Alten und hetzten gleichzeitig so schnell sie konnten in den Nachbarort. Der Bahnhof war zum Glück auf der ihnen zugewandten Seite des Dorfes, aber oben auf dem Hügel. Sie wurden langsamer.
Eine Traube Menschen war bereits dort, aus den umliegenden Dörfern zusammengelaufen. In der Ferne waren die Rauchschwaden zu sehen, der Zug näherte sich. Niemand sagte einen Ton in den sehr langen Minuten, die der Zug brauchte, um die Steigung zu bewältigen. Alle – selbst die wenigen Kinder – starrten stumm auf den sich nähernden Zug und beobachteten, wie er in den Bahnhof einfuhr und stehenblieb.

Sie traute sich nicht, sich zu rühren, stand allein da und beobachtete die Gestalten, die den Zug verließen. Abgemagert und zerlumpt bewegten sich die Heimkehrer langsam und suchend durch die Menge. Weinen war zu hören, die vom Stimmbruch quietschende Stimme eines Jungen rief „Papa!“
Als der Zug leer war, drehten sich die meisten um, um in ihre Dörfer zurückzukehren. Diesmal nicht. Vielleicht mit dem nächsten Zug.

Sie war kurz davor, ebenfalls zu gehen, als sie ihn sah. Sie bemerkte ihn erst, als er direkt auf sie zusteuerte. Ein alter Mann, der humpelte und etwas gebückt lief. Er schaute sie unverwandt an und schien die Menschen um sie herum kaum wahrzunehmen.
Sollte das… konnte das ihr Junge sein? Er, den sie mit 17 Jahren hatte gehen lassen müssen und für den sie nun seit so vielen Jahren zu jedem Zug lief, die Hoffnung nicht aufgeben wollend, dass er kam? Dass er lebte, irgendwie, irgendwo?
Er stand nun direkt vor ihr, schaute ihr in die Augen. Er war kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte und sah aus wie ein Greis. Unfähig, sich zu rühren schaute sie ihn an, sah in die Augen, die ihr so vertraut waren.
„Mahme.“ sagte er leise und als sei das ein Zauberwort gewesen, fielen sie sich beide um den Hals. Sie hielt ihn fest, drückte ihn an sich.

Endlich.

Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich in meiner Familie in den 1950er Jahren ereignet hat. Logischerweise war ich nicht dabei, aber als mir davon erzählt wurde, ließ es mich einfach nicht los und ich wollte darüber schreiben.

Einfach schnecklich

Eigenes Gemüse im Garten ist ja so ein bisschen der Inbegriff von Landleben. Barfuß und fröhlich summend in den Garten laufen, um für die nächste Mahlzeit eine Gurke, ein paar Tomaten oder den ein oder anderen Salat zu erlegen. Schmeckt ja besonders gut, wenn man den Lebensmitteln beim Wachsen zuschauen konnte, und wenn diese so ganz ohne Insektenvernichtungsmittel und Kunstdünger gewachsen sind, ist das ja auch alles viel gesünder…

Ich habe keine Ahnung, warum der Text bis hierher so furchtbar ironisch klingt. Das war gar nicht so gemeint, versprochen! Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Idylle nicht immer so idyllisch ist. Mal kränkeln die Pflanzen, mal haben sie zu viel Wasser, mal zu wenig. Zu viel Sonne… oder zu wenig. Irgendwas ist immer.

Meine Tomatenpflanzen allerdings sind in diesem Jahr besonders prächtig. Mein persönlicher Rekord! Wenn man betrachtet, dass das erst mein zweites Jahr ist, indem ich mich am Tomatenanbau versuche, ist das natürlich nicht unbedingt eine große Leistung. Dennoch bin ich stolz und es macht Spaß, mit den Kindern am Beet zu stehen und sonnenwarme Tomaten zu essen. Sie schmecken so wirklich am besten, ganz unironisch.

Nun neulich mein Dilemma: Eine Schnecke! Sitzt völlig ungerührt auf einer der Gurkenpflanzen (Nachbarin der Tomaten), die sich sowieso etwas mimosenhaft anstellen. Unverschämtheit! Was bildet die sich ein, mein mühsam gepflanztes Gemüse als All you can eat-Buffet zu betrachten? Ich laufe und hole mein Schäufelchen, erfüllt von Rachegedanken. Erschlagen sollte ich sie! Zerteilen! Oder plätten! Oder alles auf einmal!

Als ich zurückkomme (verflixt, wo hab ich die Schaufel hingelegt?), hat sich meine Wut etwas abgekühlt und ich betrachte die – zugegeben schon irgendwie einigermaßen hässliche – Nacktschnecke. Schaut sie mich an? Weiß sie, welches Schicksal ihr blüht?

Ich hole aus.

Moment. Welches Recht habe ich eigentlich, dieses Tier zu meucheln? Ich habe Vogeltränken und bienenfreundliche Blumen und lasse selbst Brennnesseln stehen, um die Tierwelt zu unterstützen… und dann will ich eine Schnecke ermorden, die ja nicht mal weiß, dass sie gerade ein Verbrechen begeht?

Der innere Tumult dauert eine Weile.
Die Schnecke will doch auch nur leben!
Aber meine Gurken sehen eh so mickrig aus!
Das ist aber doch nicht die Schuld der Schnecke!
Ich kann die doch hier nicht sitzenlassen! Dann ist morgen alles kahl!
Ach was, wie viel kann eine Schnecke schon fressen?
IST DAS EINE ERNSTGEMEINTE FRAGE? DAS SIND SCHLEIMIGE FRESSMASCHINEN!

Nunja. Am Ende habe ich die Schnecke (am Stück und noch in ihrer üblichen rundlich-wurstigen Schneckenform) aus dem Beet entfernt, mit ihr ein sehr ernstes Wort gesprochen und sie mit einem Platzverweis dem Gebüsch übereignet. Soll sie doch Holunderblätter fressen, davon sind genug da.

Aber sie soll es nicht wagen, noch mal wiederzukommen!

Bitte schreibt was

Neulich bin ich bei Youtube über ein Video gestolpert, das die Zuschauer*innen höflichst anbettelte dazu aufforderte, nicht-fiktionale Texte zu schreiben. Ich war zuerst irritiert… Soll ich mich bei Wikipedia engagieren? Berichte für die Zeitung schreiben? Lexikonartikel entwerfen? Wissenschaftliche Artikel zusammenstellen? Lange Briefe in die Welt entsenden?

Obwohl ich auf nichts von alldem besonders viel Lust hatte, hat die Neugierde gesiegt und ich habe das Video angeschaut. Da ich nun diesen Text darüber schreibe, muss ich nicht betonen, dass es einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, oder?

Ich versuche mal, ganz knapp und subjektiv zusammenzufassen: Das Video ist ein Aufruf dazu, das eigene Leben in nicht-fiktionale Essays zu verwandeln, einfach über Erlebnisse zu schreiben und diese auf interessante Weise zu verewigen. Genau das habe ich früher gemacht, in älteren Versionen alter Webseiten, schließlich mache ich das mit dem ins-Internet-schreiben schon seit… mehr Jahren, als ich hier zu nennen gewillt bin.
Klar, klingt vielleicht erstmal langweilig. Jede*r lebt halt so vor sich hin – muss man da immer irgendwie alles aufschreiben? Vielleicht nicht alles, aber, wie der Autor des Videos so schön sagt: „Have you lived real life? It’s hardly boring!“

Wenn ich ehrlich bin, spricht mich das vielleicht so besonders an, weil mir permanent hunderte von Gedanken durch den Kopf sprudeln, und ich es manchmal spannend finde, all diese aufzuschreiben. Normalerweise nur für mich, aber warum nicht auch mal wieder ins Internet schreiben? Vielleicht möchte es wer lesen.
Außerdem passiert manchmal Kram, bei dem man das Gefühl bekommt, dass es TOTAL unrealistisch wäre, wenn sowas in einem Buch geschehen würde… das muss man dann doch quasi aufschreiben, oder?

Ich möchte nun also wieder mehr dieser scheinbar bedeutungslosen Momente und Gedanken hier aufschreiben, denn Text war immer schon mehr mein Medium als jegliche Form von Bild(ern). Ich kann beim Schreiben besser denken, sortieren, entwickeln. Und ich bin auch kein großer Fan davon, mein Gesicht in die Kamera zu halten. Oder mein Haus, meine Kinder, meine Katzen.

Wobei natürlich ein paar Unsicherheiten bleiben. Will das jemand lesen? Gehen die Leute noch auf „altmodische“ Webseiten außerhalb von Social Media? Halte ich das Ganze überhaupt durch oder ist das mal wieder eine dieser Ideen, die nach kürzester Zeit sterben? Sollte ich meine Erlebnisse nicht lieber auf TikTok vortanzen?
Die einzige wirklich sichere Antwort kann ich auf die letzte Frage geben: Nein. Dafür bin ich zu alt und tanzen konnte ich noch nie. #Körperklaus

Wer das Video auch anschauen möchte, hier bitte schön, der Link. Viel Spaß. 🙂

Achso: Wenn jemand von euch mitmachen möchte, meldet euch gern! Entweder mit eigenem Blog, Social Media-Auftritt oder was weiß ich… oder halt ohne. Vielleicht möchtet ihr Gastautor*in hier sein? 🙂

Ode an den Kaffee

Oh du, mein schwarzer Bohnensaft!
Aus dir beziehe ich die Kraft
zu leben, streben, immer dar.
Das klingt jetzt doof, ist aber wahr.

Ich trinke dich, ob kalt, ob heiß,
denn du bist ja, wie jeder weiß,
zu haben in vielfacher Form
und stärkst die Lebenskraft enorm.

Mir Zucker, Milch oder auch pur,
Kaffee, du edle Frohnatur!
Dir bring ich diese Ode dar,
ich find dich einfach wunderbar!

(Dieses Gedicht habe ich im November 2011 geschrieben und in einem alten Notizbuch wiedergefunden. Ich hatte es glaube ich auch mal auf meinem ehemaligen Blog veröffentlicht.)

Der Ventilator

Mama, Mama, mein Essen ist heiß.
Ja mein Kind. Ich weiß. Ich weiß.

Du sollst es pusten! Du musst was tun!
Kind, iss doch einfach zuerst das Huhn.

Das will ich nicht, nein nein! nein nein!
Mein Essen soll einfach kälter sein!

Kind, ich möchte doch selbst auch mal essen.
NEIN! MAMA, DAS KANNST DU VOLL VERGESSEN.

Ich kann doch nicht pusten von früh bis spät.
Hier, nimm dieses… Essensabkühlungsgerät.

Mehrgenerationenhaus

Immer wieder sagen Leute zu mir „Also, ich könnte das nicht – mit meiner Schwiegermutter zusammenwohnen! Kann ich mir nicht vorstellen.“

Es ist auch manchmal hart, das kann ich bestätigen.

Ihr werdet zum Beispiel nicht glauben, was sie neulich wieder getan hat (und das kam nicht zum ersten mal vor…)! Sie wollte ihre Wäsche waschen – so weit, so gut. Weil sie aber die Maschine nicht voll bekam, hat sie Klamotten vom Kind mit reingeworfen und mit gewaschen. Einfach so! Als Rache habe ich dann einfach die komplette Maschine aufgehängt, nicht nur die vom Kind.

Der hab ich’s gezeigt.

Haushaltsauflösung

Haushaltsauflösung

Wir stehen vor der Haustür mit einem uns unbekannten Schlüssel und betreten das Haus, wie wir schon viele ähnliche Häuser oder Wohnungen zuvor betreten haben. Fast immer riecht es etwas muffig und staubig, meist wurde eine Weile weder gelüftet noch beheizt. Wir betreten ein fremdes Leben, gewissermaßen. Im Flur ein Schlüsselbrett voller Schlüssel, eine Fußmatte, eine Garderobe mit einigen Jacken. Im Wohnzimmer Bilder an den Wänden, ein Vitrinenschrank voller Gläser, auf dem Sofa akkurat platzierte Kissen. Latent vertrocknete Zimmerpflanzen auf dem Fensterbrett, im Wohnzimmer genauso wie in der Küche.

Die Gedanken sind irgendwie immer dieselben: Hier hat bis vor Kurzem jemand gewohnt, oft sein ganzes Leben hier verbracht. Manchmal finden sich noch Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände von einem längst verstorbenen Partner, manchmal sind Lücken in der Einrichtung. Dinge, die die Person mitgenommen hat, ins Seniorenheim. Oder Dinge, die schon von Hinterbliebenen verkauft wurden, selbst mitgenommen oder an Verwandte weitergegeben.
Was alle diese Häuser und Wohnungen gemeinsam haben: In absehbarer Zeit werden sie leer sein. Komplett. Neue Bewohner werden einziehen, vermutlich komplett renovieren und die Räume mit ihrem eigenen Leben füllen. Was also jetzt noch übrig ist, ist eigentlich zur Entsorgung bestimmt. Meist wird ein großer Container bestellt und innerhalb weniger Tage ist alles weg. Porzellan, Bücher, Bettwäsche, Möbel, Teppiche, Hygieneartikel, Fotoalben, VHS-Kassetten. Alles wird entsorgt.

Das ist genau der Grund, warum wir hier sind.

Meine Mutter hat eine Liste dabei, ich nur persönliche Wünsche und Gedanken.
Wann immer wir ein solches Haus, eine Wohnung betreten, fragen wir vorher herum: Brauchst du was? Meine Mutter betreut alte Menschen, Behinderte. Viele davon sehr arm, leben von Sozialhilfe und können ihr Leben allein nicht organisieren. Während ich also nur überlege, was ich persönlich brauche (ein paar schöne Teller, ein paar Gläser, Zimmerpflanzen, vielleicht einen Beistelltisch für eine Bekannte oder Gänse für die Schwägerin), hat sie ihre Liste:
Der Sessel ist noch schön, den könnte Frau Eichhörnchen* gebrauchen. Herr Dachs braucht dringend ein neues Oberbett, ist das hier noch zu gebrauchen? Familie Hummel hat kaum Handtücher, wie sieht es hier aus? Herr Fuchs bräuchte einen Wäscheständer und vielleicht ein paar Kleiderbügel. Im Keller steht eine intakte Waschmaschine, sofort wird überlegt: War nicht die von Frau Hase kaputt? Hier liegt ein Stapel orignialverpackter Herrenhemden im Schrank: Wer könnte die noch gebrauchen? Das Sofa ist so gut wie neu: Wäre nicht das Ehepaar Amsel vielleicht glücklich, das alte, fleckige Sofa austauschen zu können? Oh, das Pflegebett gehört nicht der Krankenkasse! Das kann Herr Meise doch sehr gut gebrauchen, er kann sich kaum bewegen. So geht das weiter. Alle Menschen, die ihr einfallen, werden mit Alltagsgegenständen versorgt. Gegenstände, die man natürlich auch kaufen könnte, theoretisch. Praktisch ist das für viele dieser Menschen nicht machbar.

Einzelschicksale:
Hier ein drogensüchtiger Verwandter, der die Sozialhilfe kassiert, nein, die Mutter gibt natürlich freiwillig, da kann man nichts machen.
Da eine Person, die nicht lesen und schreiben kann und deshalb die entsprechenden Anträge verschusselt hat. Die sich geschämt hat und zu spät Hilfe gesucht, sodass die Bearbeitungszeit für die neue Waschmaschine sich hinzieht.
Hier ein alter Mensch, der private Versicherungen abgeschlossen hat in dem Glauben, im Alter genug Geld zu haben und der nun feststellen musste, dass die Krankenkasse sich aus der Affäre zieht und nun doch für nichts Geld da ist.
Dort eine geistig behinderte Person, deren Wohnheimzimmer recht kahl aussieht, weil die Familie kein Geld für gemütliche Einrichtung übrig hat.

Natürlich ist da irgendwie immer der Wunsch zu helfen. Da muss doch irgendwas zu machen sein. Aber die langjährige Erfahrung zeigt: Jede Form von Hilfe braucht erstmal zwei Dinge: Erstens den Willen der betroffenen Person und zweitens Zeit.
Ersteres scheitert oft an Krankheiten. Depressionen, Angstattacken, kognitive Einschränkungen. Zweiteres… nunja. Theoretisch hat Oma Buntspecht natürlich Zeit, auf ihren neuen Elektroherd zu warten. Praktisch kann sie sich so lange nichts Warmes kochen und hat kein Geld, um auswärts zu essen. Und ganz praktisch ist es erstaunlich, in welch widrigen Umständen Menschen sich einrichten können, wenn sie nicht wissen, wie diese zu ändern wären.

Also gibt es hier die pragmatische Lösung: Umverteilen. Was vom einen nicht mehr gebraucht wird und entsorgt werden soll, kann der anderen helfen, und umgekehrt. Unbürokratisch, direkt und persönlich.

Positiver Nebeneffekt, den auch Hinterbliebene oft zu schätzen wissen: Die Dinge werden nicht entsorgt, werden gewertschätzt und von jemandem genutzt. Es macht schon einen Unterschied, wenn die Tochter weiß, dass die vom Vater geliebte Zimmerpflanze in einem anderen Haushalt weiterleben darf oder wenn der Sohn mitbekommt, wie sehr sich Frau Eichhörnchen über den bequemen Sessel freut, in dem die Mutter so gern saß. Wenn Omi Dompfaff in der Seniorenresidenz sitzt und erfährt, dass ihr geliebtes Sofa, für das ihr der Platz fehlt, einer Familie das Leben verschönert hat. Wem es möglich ist, der zahlt auch oft noch kleine Beträge für die Gegenstände, was dann wieder den Personen zu Gute kommt, die ihre Wohnung aufgeben mussten.

Am Ende tut es auch einfach weh, ein ganzes Leben zu entsorgen, nur weil dafür nirgendwo mehr Platz ist.

Was ich mir dabei denke: Gebrauchte Dinge müssen nicht extra für mich produziert werden. Sie sind schon da, brauchen keine neuen Ressourcen. Was also noch gut ist und gereinigt werden kann, verwende ich gern weiter und freue mich, dass mein Leben ein klein wenig nachhaltiger geworden ist, mein ökologischer Fußabdruck ein klein wenig kleiner. Und selbst wenn ich oft noch etwas bezahle für die Dinge (ein Hoch auf die Spülmaschine), ist es letztendlich immer noch günstiger als Neuware.

Nachtrag: Bevor ich diesen Text veröffentlicht habe, habe ich ihn meiner Mutter zu Lesen gegeben, immerhin geht es um sie. Sie erinnerte mich daran, dass ich den besondersten und emotionalsten Fall von „ein neues Zuhause gefunden“ noch gar nicht aufgeschrieben habe: Eine Katze! Frau Waschbär bestand monatelang darauf, aus der Kurzzeitpflege wieder nach Hause zu kommen, obwohl offensichtlich war, dass sie nicht mehr allein leben konnte. Das große Haus mit den ausladenden Steintreppen, ihre Vergesslichkeit und Gebrechlichkeit, keine gute Kombination. Erst nach einer ganzen Weile wurde klar, warum: Olli. Der dicke, weiße Kater, alles andere als gutmütig und freundlich, sondern eher ein garstiges Tierchen, war ihr so ans Herz gewachsen, dass sie mit dem Gedanken nicht leben konnte, ihn ins Tierheim zu geben. So zog sie also wieder zu ihm nach Hause und als klar wurde, dass sie einfach nicht mehr allein klarkam, ergab sich die Lösung: Olli zog zu einem Teil unserer Familie, der sich schon länger eine Katze wünschte, Frau Waschbär ins betreute Wohnen. Sie bekam immer wieder Fotos von ihrem Katerchen gezeigt und war wahnsinnig glücklich, dass er ein gutes Zuhause gefunden hatte. So konnte sie sich wohlfühlen im betreuten Wohnen und Olli konnte die neue Gegend unsicher machen. Er hat mittlerweile ein stolzes Alter erreicht, frisst sich durch die Nachbarschaft und ist garstig wie eh und je, aber geliebt wird er trotzdem.

Die Taschen meiner Schwiegermutter

Taschen an Kleidungsstücken sind zugegebenermaßen ein seltsam wiederkehrendes Thema in meinem Leben. Warum beispielsweise sind proportional gesehen die Taschen an Kleidungsstücken für Neugeborene größer als die an vielen Kleidungsstücken, die für Frauen gemacht werden? Mein Baby kann seine komplette Hand bis zum Handgelenk (oder mehr!!!) in seiner Tasche versenken, in meine Jeans passen meine Finger gerade mal bis zum mittleren Gelenk. Das ist doch Unsinn! Babys brauchen keine Taschen…

Erwachsene hingegen benötigen wirklich Taschen. Ich persönlich löse das Problem, indem ich lächerlich große Handtaschen mit mir herumtrage, und zwar beinahe immer, wenn ich das Haus verlasse. Meine Schwiegermutter hingegen hasst Handtaschen. Wann immer es sich vermeiden lässt, hat sie keine dabei. Das bedeutet allerdings natürlich nicht, dass sie nicht jede Menge Zeug dabei hätte, eben wie eben die meisten erwachsenen Menschen. Dieser Umstand wirkt sich massiv auf die Auswahl ihrer Jacken aus, denn eines der Hauptkriterien sind eben Taschen. Die müssen nämlich groß und zahlreich genug sein, um neben den Standard-Ausrüstungsgegenständen aller modernen Menschen auch noch die Utensilien für die besonderen Anforderungen des Landlebens und der Tierbesitzerin aufzunehmen.

Hier beginnt das Abenteuer… die Taschen sind nämlich meist riesig und erinnern irgendwie ein wenig an Narnia. Es ist nie so ganz klar, was einem dort begegnen wird. Auf der Suche nach dem Autoschlüssel wühlte ich mich eines Tages durch eine bunte Mischung an Hundeleckerlie (Pansen und Fleischwurst), Einkaufszetteln, Hundekotbeutel, Taschentüchern, Pflanzenklips und Desinfektionsmittel. Dabei wickelt sich ein Halsband um meine Hand und ein einsames Gummibärchen bleibt am Handrücken kleben.

Wenn wir draußen werkeln, geschieht es dafür dann auch schon mal, dass sie beläufig eine Rolle Bindedraht, eine Gartenschere und ein Paar Handschuhe aus einer der Taschen zieht, ein Feuerzeug und eine kleine Zange aus der anderen… und beim Weg über die Wiese ganz nebenher einen Hundeball in einer dritten Tasche verschwinden lässt.

Das (bisher) Lustigste geschah allerdings vor einer Weile bei einem Spaziergang im Wald. Es war nicht unbedingt warm und ziemlich matschig und wir liefen einen Waldweg entlang, in den eine größere Maschine tiefe Furchen gefahren hatte. Das Kind lief Schlangenlinien zwischen Bäumen hindurch und durch den einen oder anderen Graben, die Hunde folgten, es war also eine lustige Runde. Ich weiß gar nicht mehr genau, aus welchem Grund, vielleicht brauchte eine von uns ein Taschentuch, oder einer der Hunde benötigte ein Leckerchen… jedenfalls griff meine Schwiegermutter während der Unterhaltung in ihre Jackentasche. Abrupt blieb sie stehen. „Oh.“ Ich drehte mich erschrocken zu ihr hin, um dann Sekunden später mitten im Wald, in der Kälte und der Abgeschiedenheit einen Lachanfall zu bekommen.

Aus der Tasche ihrer Jacke beförderte meine Schwiegermutter eine schleimige, halbtransparente Masse mit einem gelben, kreisrunden Wubbel in der Mitte. Ihre Hand tropfte und einige harte, unterschiedlich große Brösel fielen dabei herunter. Ein Ei!

Sie hatte morgens im Hühnerstall mal wieder die Hände voll gehabt und in einer ihrer klassischen Handbewegungen das Ei in der Jackentasche verschwinden lassen. Das sollte dem armen Ei zum Verhängnis werden.

Als ich meine Schwiegermutter gestern nach diesem Ereignis fragte (sie weiß, dass ich über sie schreibe), meinte sie nur trocken: „Ich kann mich daran jetzt nicht so genau erinnern, aber Eier habe ich schon in allen möglichen Aggregatszuständen in meinen Jackentaschen gefunden…“

So sind sie, die Taschen meiner Schwiegermutter: Gehaltvoll und unterhaltsam.

Das Klopapier-Mysterium

Mir ist bewusst, dass nach etwa einem Jahr Pandemie eigentlich alle Klopapier-Witze irgendwie schon gemacht wurden und dass die auch nicht mehr wirklich lustig sind. Dieser Text hat die aktuelle Situation nur als Rahmenbedingung und ist auch gar nicht lustig. Versprochen.

Es begab sich nämlich, dass wir nicht zu den hamsternden Menschen gehörten, weshalb das Klopapier bei uns zu Hause knapp wurde. Es stellte sich im Supermarkt dann allerdings heraus, dass es zwar vielleicht logischer gewesen war, keine Hamsterkäufe zu tätigen, klüger war es jedoch nicht, denn die Regale waren leer. Scheinbar hatten alle anderen zwar ganz cool Witze gerissen und betont, ja keinesfalls mehr Klopapier als sonst zu kaufen, es dann aber doch getan und… nun ja, da standen wir nun, vor leeren Regalen. Argh!
Dann aber, nach einiger Suche, mitten im Gang aufgebaut: Eine kleine Palette mit knallpinken Klopapier-Packungen. Nicht näher hingeschaut, wir haben ja ohnehin keine Wahl! Eine Packung gekauft (schon wieder nicht gehamstert, unklug!).

Zu Hause im Badezimmer wollte ich diesen praktischen Klopapier-Spieß, auf dem die Vorratsrollen gelagert werden, neu bestücken und riss schwungvoll die Packung auf. Bei der dritten Rolle (vier lassen sich spießen) wunderte ich mich schon ein wenig: Was riecht hier so blumig? Naja, vielleicht hat ein Familienmitglied ein neues Duschgel oder so…

Später am Tag, beim erneuten Betreten des Badezimmers traf mich dann allerdings eine Wand aus Vanille-Patchouli — oder so. Genau lässt sich das nicht sagen, aber es war süß. Ein klebrig-süßer Duft, der das Badezimmer gefühlt in eine Douglas-Filiale verwandelte. War das neue Duschgel explodiert??? Suchend blickte ich mich um und etwas Knallpinkes fesselte meine Aufmerksamkeit… warum ist auf der Klopapierpackung eine Vanilleschote abgebildet? Und eine gelb gepunktete Blüte daneben?

Das war jetzt eine sehr lange Einleitung für eine einfache Frage: Warum um alles in der Welt gibt es Klopapier mit Duft? Und im Anschluss daran noch weitere Fragen: Gibt es Leute, die das freiwillig kaufen und nicht nur aus Notwehr, weil sie nicht hinreichend gehamstert haben? Die also wirklich da stehen, vor sich im Regal „Öko-Schleifpapier mit blauem Engel“, „fluffig weich mit glücklichem Bären“ und „Vanilleexplosion mit Wölkchen drauf“ und sich für letzteres entscheiden?

Und wenn ja: Warum?

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung.

Auf verschiedenen Wegen habe ich Kaufempfehlungen für dieses Buch gesehen und wollte es deshalb selbst ausprobieren. Kaut Klappentext zeigt das Buch, „welche Denkbarrieren wir aus dem Weg räumen sollten, um künftig klüger mit natürlichen Ressourcen, menschlicher Arbeitskraft und den Mechanismen des Marktes umzugehen – jenseits von Verbotsregimen und Wachstumswahn.“

Das interessiert mich natürlich, vor allem, wenn es „neu gedacht“ werden soll, denn angesichts dessen, was in der Welt gerade alles los geht, ist das Gefühl stark, dass wir unbedingt eine große, neue Lösung für alles brauchen.

Nach dem Lesen weiß ich jetzt allerdings nicht so wirklich, ob ich dieses Buch tatsächlich empfehlen soll oder möchte (Spoiler: doch, möchte ich!). Einerseits ist es gut geschrieben und fasst in klarer, verständlicher Sprache wissenschaftliche Erkenntnisse, statistische Daten und historische Fakten zum Klimawandel zusammen – andererseits hat mich das Buch unheimlich deprimiert. Manchmal fehlt mir auch der „neue“ Ansatz, den das Buch verspricht. Personen, die sich mit dem Thema beschäftigen, finden nicht viel Neues in dem Buch und sind vermutlich wie ich am Ende reichlich deprimiert, weil sich einmal mehr die Erkenntnis aufdrängt: Privatpersonen können noch so sehr anstrengen, auf tausend Dinge verzichten… solange politisch nicht dafür gesorgt wird, dass auch Firmen und Superreiche gezwungen werden, sich ökologisch verantwortungsvoll zu verhalten, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Autorin rät, sich auf das zu konzentrieren, was in unserer Macht steht, doch was ist das schon? Ich kann zum Beispiel auf Fast Fashion verzichten, habe aber dennoch keine Kontrolle darüber, ob die teuren Kleidungsstücke, die ich stattdessen kaufe, nicht am Ende aus derselben Fabrik kommen. Gebrauchte Kleidung ist zumindest für Kinder eine gute Alternative, für Erwachsene außerhalb von „normschlank“ nur bedingt. Ich könnte natürlich selbst nähen, aber dafür fehlt mir einerseits die Zeit, und andererseits kommen ja auch die Stoffe von irgendwoher und ich weiß nicht, wo und wie diese produziert werden.

Bei mir blieb also ein großes Gefühl der Machtlosigkeit nach dem Lesen des Buches. Im Alltag verwenden wir als Familie relativ viel Zeit darauf, nach ökologischeren Lösungen zu suchen und haben doch immer ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht perfekt sind. Als Dorfbewohner mit nicht nennenswerter Anbindung an ÖPNV fahren wir zum Beispiel überall mit dem Auto hin – weil es nicht anders geht. Es gibt im Dorf nichts zu kaufen und… wie gesagt: Kein Busverkehr abgesehen von Schulbussen. Während ich mich also gräme, dass ich zum Einkaufen und zur Arbeit das Auto nehme, haben große Firmen gar kein Problem damit, tonnenweise CO2 auszustoßen, Flüsse zu verschmutzen und Gesetzeslücken geschickt auszunutzen. Während wir auf unserem Grundstück jedes Jahr heimische Bäume und Büsche pflanzen, Wiesen nicht mähen, Benjeshecken anlegen, Holz liegenlassen und dafür kämpfen, dass wenigstens um uns herum weniger Böschungen gemulcht werden, werden deutschlandweit mehr als 80 Hektar täglich neu bebaut. Dabei wird die Natur schlichtweg platt gemacht, durch die Versiegelung riesiger Parkplätze gelangt kein Regen mehr in den Boden und durch „ordentliche“ Rasenflächen (lest dazu auch meinen Text woanders) rund um Firmengebäude, die immer schön kurz gehalten werden, trocknet der Boden nur noch schneller aus. Was macht es also aus, dass wir auf unserem kleinen Stück Welt so bemüht sind?

Es wird klar: Ich bin müde. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen und alle Argumente und Fakten, die „Ökoleute“ und Wissenschaftler*innen liefern werden mit „Aber die Wirtschaft…“ entkräftet. Ich denke, die Wirtschaft wird auch keinen Spaß haben, wenn unsere Erde keine lebenswerten Bedingungen mehr hat. Wer hungert, kauft keinen SUV (Herr Scheuer!?!). Ich bin aber auch trotzig. Wir machen trotzdem weiter. Wär‘ ja auch noch schöner.

Fazit ganz am Ende: Doch ja, lest das Buch. Bitte! Und gebt es weiter. Gebt die Gedanken weiter. Geht den Leuten auf die Nerven. Anders geht es ja wohl nicht.